Salesianer-Treffen in Guayaquil

Noch nie habe ich einen Menschen erlebt, der im Angesicht des Todes beklagt hätte, zuviel Gutes getan zu haben.

(Giovanni Don Bosco)

Das Sozialprojekt "Chicos de la calle" der Salesianer Don Boscos gibt es in sieben Grossstädten Ecuadors: In Quito, Ambato, Guayaquil, Cuenca, Esmeraldas, San Lorenzo und Santa Domingo. Zurzeit leisten in diesen Projekten gesamthaft 28 Jugendliche einen Volontäreinsatz. Darunter sind Volunteers von ICYE wie ich, junge Männer aus Österreich, die ihren Zivildienst auf diese Weise absolvieren, und ecuadorianische Freiwillige, die alle sehr gläubig sind und aus religiösen Gründen mitarbeiten. Zweimal pro Jahr findet ein Treffen für all diese Freiwilligen statt, so dieses Wochenende in Guayaquil.

Alle Volunteers, die zurzeit in den Projekten der Salesianer Don Boscos arbeiten

Laurin und Tobias aus Österreich, Jakob aus Deutschland, Xenia aus der Schweiz und ich sollten am Freitagabend um 22:10 Uhr in Quitumbe, einer Busstation im Süden Quitos, den Nachtbus nach Guayaquil nehmen. Deshalb machten wir ab, uns um 22:00 Uhr in Quitumbe zu treffen. Ich bestellte einen Taxifahrer, der leider eine Viertelstunde zu spät kam. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass ich es trotzdem noch pünktlich schaffen würde. Um 22:01 Uhr standen wir noch immer im Stau und Jakob rief mir verzweifelt aufs Handy an: In neun Minuten würde der Nachtbus abfahren. Zum Glück sah ich die Busstation in der Ferne und so drückte ich dem Taxifahrer 15 Dollar in die Hand, stieg aus und rannte die letzten Meter. Als ich den Nachtbus erreichte, streckten mir meine Volunteer-Kollegen mein Ticket entgegen und wir konnten in letzter Minute noch einsteigen.

Die Sitzlehnen konnten wir zum Glück weit nach hinten lassen und so machten wir es uns bequem. Wir hatten eine 7stündige Fahrt bis Guayaquil vor uns und versuchten zu schlafen. Doch einfach war es nicht, denn der Bus rüttelte und schüttelte, raste um die Ränke und die Klimaanlage sorgte für eine Kälte, die nicht angenehm war. Ich hatte nicht daran gedacht eine Wolldecke mitzunehmen und so schlotterte ich die halbe Nacht. Irgendwann muss ich aber doch eingenickt sein, denn Laurin weckte mich ziemlich unsanft, als wir Guayaquil erreichten.

 

An der Busstation kam ein Mann auf uns zu und rief von weitem: "Hola amigos!" Da war für uns klar, dass er bei den Salesianern arbeitete, denn in den Projekten Don Boscos nennen sich alle "amigo" - die Mitarbeiter untereinander, die Erzieher die Kinder und die Kinder sich gegenseitig. Der Mann fuhr uns in einem kleinen Bus zum Haus der Salesianer, wo wir auf die anderen Freiwilligen trafen. Das Gebäude befand sich direkt am Strand unter Palmen und war hell und grossräumig. Inzwischen war es sieben Uhr morgens und Schlaf war nicht im Programm eingeplant. Wir konnten nur kurz unsere Taschen in die Schlafräume bringen, dann ging es los mit dem Gebet.

Später machten wir verschiedene Gruppenspiele zur Auflockerung, aber auch zur Vertiefung von Themen, die wir behandelten. Eine Dame brachte uns näher, was der Umgang mit Kindern nach der Ideologie Don Boscos bedeutet. Wir mussten auch Fragebögen ausfüllen und danach gemeinsam besprechen. Darin ging es beispielsweise um Fragen, ob wir schon einmal ein Kind geschlagen oder eingesperrt hätten, ob wir die Namen und die Vergangenheit all unserer Schützlinge kennen und ob wir während der Arbeit Zeit hätten, um ein Buch zu lesen.

 

Am Nachmittag gingen wir alle gemeinsam an den Strand, der sich gleich unterhalb des Hauses befand. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben am Pazifik und deshalb sehr gespannt.

Zuerst spielten wir Fussball und Volleyball. Wir hatten sehr viel Platz, denn wir waren die einzigen Menschen am Strand. Danach gingen einige von uns baden. Ich hatte mein Badekleid nicht dabei, wollte aber bis zu den Knöcheln ins Wasser und rollte meine Jeans hoch. Dabei blödelte ich mit Laurin rum und irgendwann packte er mich und tauchte mich mit samt den Kleidern unter Wasser. Wir hatten beide nicht daran gedacht, dass sich in meiner Hosentasche mein Schweizer Smartphone, mein ecuadorianisches Handy sowie mein Portmonnaie befanden. Ich hatte einen kurzen Schock, doch Laurin tat es furchtbar leid und er half mir, alles zu trocknen. Die Handys funktionieren zum Glück noch einwandfrei. :-)

Da ich ohnehin schon nass war, ging ich nun mit den Kleidern schwimmen. Zwei ecuadorianische Volunteers nahmen mich rechts und links bei der Hand und immer wenn eine Welle kam, riefen sie "salta!" (Spring!) Es war recht lustig, weil mich die Welle jedes Mal fortspülte, die Ecuadorianer jedoch sicher auf den Füssen landeten und mir danach halfen, wieder aufzustehen.

Am Abend spielten wir nochmals Gruppenspiele, jedoch solche mit Spassfaktor. Es waren Sport-, Sing- und Tanzspiele. Wenn ich nicht so furchtbar müde gewesen wäre, hätten sie wahrscheinlich noch mehr Spass gemacht. Danach konnten wir endlich schlafen gehen. Die Bettgestelle waren uralt und verrostet, die Duschen hatten keine Vorhänge und der Schlafraum von uns Frauen wurde nur durch eine dünne, niedrige Wand von demjenigen der Männer abgetrennt. Doch wir sagten uns immer wieder, dass wir nicht vergessen dürfen, dass wir hier in Ecuador sind und nicht in der Schweiz oder in Deutschland.

Am anderen Morgen fuhren wir mit dem kleinen Bus in ein Armenviertel. Unsere Aufgabe war es, die Kinder bei den Häusern abzuholen und sie zu einem Platz zu bringen, wo wir Spiele mit ihnen spielten. Danach führten wir Volunteers ein Theaterstück auf, das wir am Tag vorher einstudiert hatten. Darin ging es darum, dass Jesus Maria segnet und stärkt. Daraufhin wollen verschiedene "Sünden" in Gestalt von Alkoholikern, Gewalttätern und Drogensüchtigen Maria verführen. Doch dann kommt Jesus wieder und schlussendlich kämpfen Jesus und die "Sünden" gegeneinander um Maria. Die Botschaft an die Kinder war, dass sie nur der Freund von Jesus sein und sich nicht von schlechten Dingen verführen lassen sollen. Zum Schluss gingen wir in die kleine Kapelle des Viertels und feierten mit den Kindern einen Gottesdienst.

Zwei Frauen, die im Viertel wohnen, wollten uns alle zum Mittagessen einladen und kochten für uns. So assen wir bei ihnen Reis und Hühnchen und tranken Saft. Doch dieses Essen war nicht eingeplant und als wir wieder zurück ins Haus der Salesianer kamen, hatten die Mitarbeiter dort ebenfalls für uns gekocht. So assen wir ein zweites Mal zu Mittag.

 

Nach dem zweiten Essen war das offizielle Programm zu Ende. Laurin, Tobias und Xenia entschieden sich, noch zwei Tage länger in Guayaquil zu bleiben und fuhren an einen Strand weiter nördlich. Jakob, vier

ecuadorianische Volunteers und ich wollten den Nachtbus zurück nach Quito nehmen. Dieser fuhr jedoch erst um 22:50 Uhr und wir hatten noch jede Menge Zeit zur Verfügung. Ein Pater der Salesianer fuhr uns an den riesigen Hafen von Guayaquil, wo wir den Nachmittag verbrachten.

Am Hafen gab es auch einen Park, in dem riesige Echsen frei herumliefen. Sie waren überhaupt nicht schüchtern und man konnte sie sogar streicheln. Als es dunkel war, besichtigten wir noch einen Leuchtturm. Dort waren drei junge Frauen, die Schweizerdeutsch sprachen. Meine ecuadorianischen Kollegen überredeten mich schliesslich, mit den Frauen ein Gespräch zu beginnen. Ich erfuhr, dass die Schweizerinnen

aus St.Gallen kommen und zurzeit in Ecuador herumreisen.

Um sieben Uhr holte uns der Pater wieder ab und ging mit uns in ein Einkaufszentrum, um etwas zu essen. Danach hatten wir immer noch viel Zeit und wir fuhren in ein weiteres Projekt der Salesianer Don Boscos in Guayaquil. Auch dort wurden wir mit "hola amigos!" begrüsst und etwa zehn Kinder waren gerade beim Abendessen. Ich bin immer wieder von Neuem überrascht, wie offen die Kinder auf Volunteers zugehen, die sie nicht kennen. Als wir den Raum betraten, winkten mir die Kinder sofort zu und fragten mich, wie ich heisse. Ein kleiner Junge bat mich nach dem Essen sogar, ihm von dem Land zu erzählen, aus dem ich komme.

Auch dieses Haus war grossräumig und hell. Irgendwie machte es mich ein bisschen traurig, diese schönen Gebäude zu sehen. Je länger je mehr denke ich, dass ich im kleinsten, engsten und schmutzigsten Haus arbeite, das den Salesianern gehört. Das "mi caleta" befindet sich zwar

mitten im Zentrum von Quito und somit an praktischer Lage, doch es ist hinter einem Zaun zwischen anderen Häusern eingepfercht und es ist dort alles sehr dunkel und eng. Meine Freundin Rabea hingegen arbeitet in Ambato auf einer riesigen Farm, die den Salesianern gehört, und betreut dort um die 100 Kinder, während ich im mi "caleta" morgens nur 1-2 Kinder habe und nachmittags 20 für die Hausaufgabenhilfe. Dies frustriert mich sehr und ich sprach mit dem Pater darüber. Er meinte: "Weisst du, jedes Kind ist wichtig. Und auch wenn nur ein einziges Kind da ist, ist es für dieses sehr wertvoll, hier sein zu können." Damit mag er recht haben. Doch ich würde trotzdem lieber auf einer grossen Farm in Ambato oder Guayaquil arbeiten, aber dann wäre ich dafür mehr abgeschottet und weniger in der Nähe der anderen Volunteers. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

Schliesslich nahmen wir den Nachtbus zurück nach Quito und ich war so müde, dass ich sogar schlafen konnte. Wir kamen um halb sieben Uhr morgens an und der ecuadorianische Volunteer Marco, der im selben Projekt wie ich arbeitet, ging direkt ins "mi caleta". Ich bin froh, dass ich nun zwei Tage frei habe um mich auszuruhen und Schlaf nachzuholen.

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