Die letzten Tage in Ecuador

Schon am Vortag war ich in Aufruhr wegen der bevorstehenden Abfahrt. Es ging los. Es ging zurück in die Schweiz. Dorthin, wo ich alles zurückgelassen hatte. Gut neun Monate hatte ich in Ecuador verbracht. Ich will nicht behaupten, ich sei neun Monate fort gewesen und danach ging es mir nur noch gut und ich war glücklich. Das nicht. Aber ich habe gelernt, dass das Reisen Erfahrungen vermittelt, von denen ich gedacht hätte, nur die Zeit könne sie bringen. Reisen beschleunigt den Prozess, könnte man sagen. Dank dieser Reise habe ich wichtige Einsichten über mich erlangt, doch vor allem hat sich meine Einstellung gegenüber dem Leben verändert und nun lehrt mich das Leben mit jedem Tag etwas, woran ich wachse. 

(Nach Fabio Volo in "Einfach losfahren")

An den Seminaren von ICYE wurde uns immer wieder gesagt, die Rückkehr nach einem Sozialeinsatz sei nicht zu unterschätzen. Während meinen letzten drei Wochen in Ecuador, die ich auf einer Rundreise mit meinen Eltern verbrachte, wurde ich plötzlich unsicher, ob ich wirklich schon bereit war, in die Schweiz zurückzukehren. 

Auf dieser Rundreise fiel mir und meinen Eltern vermehrt auf, wie freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit die Menschen in Ecuador sind. Immer wieder wurde uns Hilfe angeboten, wenn wir nicht wussten, wie wir in die nächste Stadt kommen. Wir kamen auch sehr schnell und leicht mit den Einheimischen ins Gespräch, sei es mit einem Taxifahrer, der uns alle Reisfelder und Bananplantagen erklärte, an denen wir vorbei fuhren, oder einem Bananenchips-Verkäufer, der von sich aus für uns telefonierte um abzuklären, wann der Bus nach Tena fährt. In Ecuador muss man keine Angst haben, dass man keine Menschen kennen lernt - die Menschen lernen einen kennen! 

Bereits vor meiner Reise nach Ecuador hatte der Amazonas eine grosse Faszination auf mich ausgeübt und während meinem Sozialeinsatz hatte ich durch einen Ecuadorianischen Kollegen die Möglichkeit, die Kultur der Kichwa (Ureinwohner Ecuadors) kennenzulernen. Nun kehrte ich mit meinen Eltern zurück in den Regenwald und wir verbrachten eine Woche in einer Lodge, die ursprünglich von einer Schweizerin gegründet worden war. Wir waren im absoluten Naturparadies! Die Lodge lag an einem Nebenfluss des Rio Napo, der in Brasilien schliesslich in den Amazonas mündet. Wir wurden mit einem Kanu abgeholt und ein Stück auf dem Fluss zur Lodge hochgefahren, die am Ufer lag.

In dieser Lodge traf mich der umgekehrte Kulturschock das erste Mal, obwohl wir noch immer in Ecuador waren. Die Lodge war sehr europäisch und an der Rezeption arbeiteten Freiwillige aus Deutschland, die die ganze Zeit Deutsch sprachen. Das Essen war eine Kombination aus Schweizerisch und Ecuadorianisch und zum Frühstück gab es sogar Zopf. Gewürzt wurde mit Peterli statt mit Koriander. Ich brauchte einen Tag, um mich daran zu gewöhnen.

Ich hätte mir sehr gut vorstellen können, noch einige Monate in der Lodge zu bleiben und als Freiwillige dort zu arbeiten. Zur Lodge gehört auch eine Tierstation, in der Urwaldtiere gepflegt werden, die als "Haustiere" gehalten und von den Menschen misshandelt worden waren. Das Ziel ist es, diese Tiere irgendwann wieder im Urwald freizulassen. Auch in dieser Tierstation arbeiten Freiwillige aus Europa. Es war das totale Paradies dort und man merkte, dass das ganze unter europäischer Führung stand. 

Zum Projekt Lodge und Tierstation gehört auch eine Schule für die Kinder aus dem Urwald. Ich lernte eines Abends eine Freiwillige aus der Schweiz kennen, die in dieser Schule als Lehrerin arbeitet. Wir sprachen über unsere Erfahrungen als Volontäre und sie erzählte mir von einer Schule in Kenia, in der sie ebenfalls mal gearbeitet habe. Sie sei dort sehr herzlich aufgenommen worden und könne mir diese Schule wirklich empfehlen. Kenia interessiert mich ebenfalls schon lange und nun bekam ich Lust, gleich wieder loszuziehen. Am liebsten wäre ich von Ecuador direkt nach Kenia weitergereist. Jetzt habe ich bereits neue Ideen und neue Träume.

Dank meinem Sozialeinsatz in Ecuador hat sich meinen Horizont extrem geöffnet und ich bin mutig und reiselustig geworden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mir eine ehemalige Mitschülerin  vor ein paar Jahren erzählte, sie sei Halb-Ecuadorianerin. Damals wusste ich überhaupt nichts über das Land, doch der wunderschöne, exotische Name weckte meine Neugier. Heute, vier Jahre später, fühle ich mich mit Ecuador verbunden. Ich kenne das Land nun fast besser als die Schweiz.

Nun ist mein Abenteuer Ecuador zu Ende und ich möchte euch allen von ganzem Herzen DANKE sagen. Meinen Eltern, dass sie mich von Anfang an tatkräftig unterstützt haben, finanziell, organisatorisch und mental. ICYE Schweiz für die gute Vorbereitung und die ständige Erreichbarkeit per Mail. ICYE Ecuador für die persönliche, geradezu freundschaftliche Betreuung. Meinem Projekt, dass ich einen Einblick in die Sozialarbeit und die Arbeit mit Strassenkindern erhalten durfte. Meiner Gastfamilie, dass ich 8 Monate bei ihnen wohnen und an ihrem Familienleben teilhaben durfte. Und nicht zuletzt allen meinen treuen Blogleserinnen und Bloglesern, meinen Freunden und Bekannten in der Schweiz, die mein Abenteuer mitverfolgt haben und in der Ferne für mich da waren. !!!DANKE!!!

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Abschied vom ecuadorianischen Alltag

Kein Augenblick ist je verloren

Wenn er im Herzen weiterlebt

Das Leben wird jetzt anders sein

Doch die Erinnerung bleibt ewig bestehen.

[...]

Keine Träne soll uns begleiten

Egal wohin die Reise geht

All die schönen Bilder bleiben

Wenn unsere Zeit gekommen ist. 

 (Aus "Zeit zu gehen", Songtext von Unheilig)

Meine letzten Arbeitstage im Projekt waren sehr emotional. Es war schwierig, mich von den Kindern zu verabschieden, war es doch ein Abschied für immer. Die zwölfjährige Y., die immer zum Hausaufgaben machen kommt, meinte zu mir: "Ich werde dich vermissen! Warum musst du überhaupt zurück in dein Land? Kannst du nicht hierbleiben?" 

 

Am schwersten war der Abschied vom zehnjährigen S., der ein bisschen "mein Kind" geworden war. Einige Wochen nachdem er ins Aufnahmezentrum kam, war ich mit einer Sozialarbeiterin und ihm in seiner alten Schule und bei seiner Stiefmutter zu Hause. Ich glaube, die Stiefmutter hatte ihn misshandelt und zum Arbeiten auf der Strasse gezwungen, jedenfalls weigerte sich S., mit ihr zu reden. Dies war der Moment, als er entschied, dass ich nun seine Mutter sei. Von nun nannte er mich immer "Mama". Er erzählte auch allen anderen Kindern und den Erziehern, ich sei seine Mama. Zu mir sagte er, wenn ich zurück in die Schweiz ginge, käme er mit. Er wollte mir sogar versprechen, dass er in der Schweiz arbeiten gehen würde, um seine Lebenskosten zu bezahlen. Doch wie sollte ich ihm erklären, dass Kinderarbeit in der Schweiz verboten ist? In Ecuador ist sie in den ärmeren Schichten normal. Es brach mir das Herz, S. in Ecuador zurückzulassen. Doch ich habe den Eindruck, dass er sich in den letzten Wochen langsam im Aufnahmezentrum eingelebt hat. Ich hoffe, dass er seine Chance packt, einen Schulabschluss schafft und irgendwann ein eigenständiges Leben führen kann.

Viele Leute in Ecuador fragten mich: "Willst du nach dem Studium nicht zurückkommen? Es gibt in diesem Land so viel Potenzial im Bereich der Sozialen Arbeit." Mal sehen. Ich werde mir diese Tür offen lassen. 

Doch nicht nur die Kinder sind mir ans Herz gewachsen. Zu meiner Spanischlehrerin hatte ich eine besonders enge Beziehung. Sie gab mir nicht nur einmal die Woche bei sich zu Hause mit viel Geduld und Herzblut Einzelunterricht, sondern war für mich auch eine Person, mit der ich über alles reden konnte. Zum Abschied schenkte ich ihr eine Dankeskarte und ein Armkette, sie mir ein spanisches Büchlein mit ecuadorianischen Sagen. Ich versprach ihr, mit dem Spanisch weiterzumachen und mit ihr in Kontakt zu bleiben.

 

Auch der Strasssenerzieher J. war für mich nicht nur ein Mitarbeiter, sondern auch ein guter Kollege, mit dem ich meine Freizeit verbrachte. Wenn er konnte und durfte, nahm er mich mit auf die Strasse und lehrte mich viel über die Soziale Arbeit. Wenn es im Aufnahmezentrum nichts zu tun gab, zeigte er mir, wie man Armbändeli knüpft und brachte mir das Schachspielen bei.

All diese wunderbaren Menschen, die fremde Sprache, die andere Kultur und auch die Arbeit mit den Strassenkindern machten meine Zeit in Ecuador zu etwas ganz Besonderem. Ecuador und die Schweiz sind für mich zwei verschiedene Welten, zwei verschiedene Leben. Ich habe Angst, dass mir zurück in der Schweiz alles nur noch wie ein verschwommener Traum vorkommt. 

Nächsten Freitag landen meine Eltern in Quito und ich kann es kaum erwarten, ihnen auf einer dreiwöchigen Reise das Land näher zu bringen, das ich nun als meine zweite Heimat bezeichne. Zuerst reisen wir gemeinsam Richtung Süden zum Kratersee in Quilotoa, in die Kolonialstadt Cuenca und nach Vilcabamba, ins Tal der Hundertjährigen. In der zweiten Woche geht es an die Pazifikküste in die Fischerdörfer Mompiche und Canoa sowie in die Hafenstadt Manta. Zum Schluss verbringen wir noch vier Tage im Amazonas in einer Urwald-Lodge. Ich bin sehr glücklich, meine Zeit in Ecuador mit einer gemeinsamen Reise mit meinen Eltern abschliessen zu können.

Aunque hoy llores por despedirte, mañana sonreirás por los recuerdos.

(Obwohl du heute wegen dem Abschied weinst, wirst du morgen wegen den Erinnerungen lächeln)

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