Ritzen - Warum verletzen sich Kinder selbst?

Tu dir nicht weh, das lohnt sich nicht.

Das ist mein voller Ernst,

du bist eine Menge wert.

Ich will dir hier vor allem sagen,

dass es für dich nichts zu tun gibt,

ausser zu leben und zu atmen

und zu feiern, wer du bist.

(Julia Engelmann)

Im Projekt hat es zurzeit sieben interne Kinder, die fest dort wohnen. Alle sieben sind Knaben zwischen zehn und fünfzehn Jahren.

C. und V., zwei dieser Jungs, sind noch nicht lange hier. Bei V. fielen mir gleich am ersten Tag Schnittwunden an den Unterarmen auf. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte und beschloss, die Narben zu ignorieren. 

 

Heute machte ich ausnahmsweise mit den internen Kindern Hausaufgaben. C. schob irgendwann die Ärmel seines Pullovers nach hinten und strich mit den Fingern über frische, knallrote Schnitte, die zum Vorschein kamen. Ich schlug entsetzt die Hände vors Gesicht.

Ich wusste überhaupt nicht, wie ich reagieren sollte. So legte ich den Arm auf C.'s Schulter und fragte ihn, wie es ihm heute gehe. Daraufhin schüttelte er nur den Kopf, schlang beide Arme um meinen Bauch und schmiegte sich an mich. Ich sass eine halbe Stunde lang nur da und hielt ihn im Arm. Irgendwann kam V., setzte sich auf die andere Seite von mir und kuschelte sich ebenfalls an mich. Ich hielt sie beide fest, zwei Jungs mit zerschnittenen Armen und vielen Problemen.

Bis jetzt hatte ich mich nie gross mit dem Thema "Ritzen" beschäftigt und so begann ich mich im Internet genauer zu informieren:

Die Gründe fürs Ritzen sind vielschichtig. Oft liegt es an Störungen in der Kindheit. Es kann zum Beispiel sein, dass jemand als Kind abgelehnt wurde, wenig Liebe erfahren hat und so kaum ein Selbstwertgefühl entwickeln konnte. Auch ein traumatisches Erlebnis kann eine Ursache sein. Beispiele sind sexueller oder emotionaler Missbrauch, eine schlimme Scheidung der Eltern oder der frühe Tod eines Elternteils. Dinge wie diese können unter anderem dazu führen, dass man innerlich wütend ist, viel mit sich machen lässt und sich nicht durchsetzen kann. Dadurch kann sich Spannung aufbauen, die irgendwie raus muss.

Betroffene berichten, dass sie durch das Ritzen oder anderes selbstverletzendes Verhalten Spannung und inneren Druck abbauen können. Außerdem hätten viele Betroffene das Gefühl, neben sich zu stehen, sich und ihr Leben von außen zu beobachten - ein Gefühl von Taubheit und gewisser Leere. Sie berichten, dass sie sich durch das Ritzen wieder spüren und lebendig fühlen.

In der Schweiz gibt es professionelle Hilfe für Betroffene, spezielle Therapien und Medikamente, um innere Spannungen abzubauen. Doch wie wird den Kindern in Ecuador geholfen? Ich weiss es nicht. Es ist die Aufgabe der Psychologin und der Sozialarbeiter in meinem Projekt. Doch was kann ich als Volontärin für die Kinder tun?

Im Internet steht als Tipp:

Der falsche Weg ist es, mit Vorwürfen oder Drohungen zu reagieren und das Kind anzuweisen, mit der Selbstverletzung aufzuhören. So setzen Sie das Kind nur unter Druck und vermitteln ihm, dass es etwas falsch macht, während die Ursachen für die Selbstverletzungen ungeklärt bleiben. Stattdessen  sollten Sie zeigen, dass sie das Kind ernst nehmen, sich um es sorgen und ihm helfen möchten.

Manchmal kann man etwas nicht in Worte fassen – aber man kann sich in den Arm nehmen. Körperliche Nähe ist wichtig, sie zeigt auch, dass Sie kein Problem mit dem Körper der betroffenen Person haben. Häufig ritzen sich Menschen nämlich aus Selbstablehnung.

Ich habe keine professionelle Ausbildung und im Projekt sagt mir auch niemand, wie ich in solchen Situationen reagieren muss. Deshalb höre ich meist auf mein Bauchgefühl und bis jetzt bin ich damit gut zurechtgekommen.

Quellen:

http://www.familienleben.ch/kind/jugendliche/ritzen-selbstverletzung-bei-jugendlichen-290

http://www.maedchen.de/artikel/ritzen-wenn-s-der-seele-unter-die-haut-geht-242354.html

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/selbstverletzungen-warum-maedchen-sich-ritzen-a-524757.html

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Trip nach Otavalo & Ibarra

In den besten Reisebeschreibungen interessiert uns doch der Reisende am meisten, wenn er sich nur zeigen mag. Wer eine Reise beschreibt, beschreibt damit sich immer auch selber.
(Jean Paul)

Otavalo ist eine Stadt im Norden Ecuadors und eines der grössten Handelszentren für Kunsthandwerk in Lateinamerika. Jeden Tag verkaufen dort Händler Wollwaren wie Teppiche, Wandbehänge, Decken, Ponchos Pullover, Hängematten, Schnitzereien, Perlen und Gemälde. Am Samstag ist jedoch offizieller Markttag und der Markt nimmt das halbe Stadtzentrum ein. Meine Mitvolontärin Sophie und ich wollten uns diesen Markt ansehen und beschlossen, das Wochenende in Otavalo zu verbringen.

Am frühen Samstagmorgen erreichten wir Otavalo nach einer zweistündigen Busfahrt. Ich wollte unbedingt auf den Viehmarkt, der laut meinem Reiseführer ebenfalls jeden Samstag dort stattfindet. Sophie und ich waren uns bewusst, dass wir unschöne Dinge sehen würden, doch wir waren neugierig auf die Atmosphäre mitten unter quiekenden Ferkeln und Säcken voller Meerschweinchen.

Für einen Dollar konnte man einen Hundewelpen kaufen, der noch viel zu klein war, um von der Mutter getrennt zu werden. Die Küken wurden in Papiersäcken verkauft, als seien sie Äpfel oder Birnen.  Die süssen Meerschweinchen waren zum Schlachten und Essen gedacht und nicht, um als Haustier gehalten zu werden. Sophie und ich konnten fast nicht hinsehen, doch wir fanden es aufregend, auf einem richtigen lateinamerikanischen Tiermarkt zu sein.

Nach einer Stunde kam Lara, eine Freundin von Sophie, und schloss sich uns an. Zu dritt gingen wir auf den Kunsthandwerksmarkt. Für mich ist es noch immer sehr ungewohnt, dass man auf diesen Märkten feilschen muss. Die Händler sagen einen absichtlich hohen Preis, damit man ihn "hinuntermarkten" kann. Die Atmosphäre war einmalig und wir verbrachten den ganzen Nachmittag auf dem Markt.

Ein Verkäufer an einem Schmuckstand erzählte uns, dass er immer in Ecuador, Kolumbien und Brasilien auf den Märkten unterwegs sei. Er fragte uns, ob wir am liebsten Sterne, Blumen oder Musik hätten. Sophie und ich sagten Musik und Lara sagte Blumen, woraufhin der Mann uns aus einem Stück Draht einen entsprechenden Ring bastelte.

Wir übernachteten in einem günstigen, aber sehr komfortablen Hostel im Zentrum von Otavalo. Am Sonntagmorgen brachen wir früh auf, weil wir den Wasserfall "Cascada de Peguche" besichtigen wollten, der sich ausserhalb von Otavalo befindet. Wir spazierten durch einen wunderschönen Naturpark und erreichten schliesslich den Wasserfall.

Natürlich hätte es in und um Otavalo noch vieles zu besichtigen gegeben, doch wir entschieden uns, mit dem Bus nach Ibarra weiterzufahren. Ibarra ist eine Stadt noch weiter nördlich, fast an der Grenze zu Kolumbien. Wir waren neugierig, weil wir im Reiseführer gelesen hatten, dass die gesamte Stadt weiss getüncht sein soll. Als wir ankamen, waren wir jedoch ernüchtert. Es hatte zwar viele weisse Häuser, doch wahnsinnig spektakulär sah es nicht aus. Wir besichtigten einige Kirchen und gingen dann in "die beste Eisdiele in ganz Ecuador", die sich laut unserem Reiseführer in Ibarra befinden soll.

Ich hatte gelesen, dass der Inkakönig Huayna Capac im 15. Jahrhundert zwei Kilometer ausserhalb des heutigen Ibarra einen Sonnentempel errichten liess. Sein Sohn Atahualpa, der letzte Inkakönig, soll in diesen Gemäuern geboren worden sein. Der Komplex war auf vier Terrassen gebaut und von einer sind heute noch unter der Gemeindekirche "Iglesia del Señor del Amor" Grundmauern vorhanden. In meinem Reiseführer steht, dass sich hinter der Kirche der Garten der Familie Flores befindet. Man könne an die Haustüre klopfen und dann werde man in den Garten geführt, in dem noch rund 60m der Ostmauer der einst grössten Tempelterrasse vorhanden seien. Zitat aus meinem Reiseführer: "Einige trapezförmige Fenster und Türen sind noch derart gut erhalten, dass man meint, den unsterblichen Blick Atahualpas im Nacken zu spüren."

Dies machte mich natürlich neugierig und ich wollte die Überresten des Tempels unbedingt sehen. Sophie und Lara sind nicht so geschichtsinteressiert wie ich, doch ich konnte sie schlussendlich überreden hinzugehen.

Die Kirche "Iglesia del Señor del Amor"

Wir kamen uns seltsam vor dabei, an die Tür eines privaten Hauses zu klopfen und zu fragen, ob wir den Garten besichtigen dürfen. Ein Mann mittleren Alters öffnete, den wir gerade beim Essen gestört hatten. Als wir ihn fragten, ob wir reinkommen dürfen, zögerte er einige Sekunden, sagte dann aber: "Also gut, kommt!".

Wir traten ein, gingen quer durchs Haus und fanden uns in einem riesigen Garten wieder, der von antiken Mauern umgeben war.

Der Mann fragte uns, von wo wir kämen, was wir in Ecuador machten und erzählte uns, dass jede Woche Touristen kämen, um seinen Garten anzuschauen. Sophie und Lara waren von den Mauern zwar nicht so fasziniert wie ich, doch sie fanden die Besichtigung des Gartens bei einer Familie, die wir nicht kannten, ebenfalls ein lustiges Erlebnis.

 

Als wir nach Ibarra zurückkehrten, war es bereits später Nachmittag und so nahmen wir den Bus zurück nach Quito. Wie nach jedem Ausflugswochenende bin ich todmüde, aber zufrieden, so viel neues gesehen und erlebt zu haben.

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Stadtrundfahrt durch das "Centro histórico"

Ich nehme mir die Zeit,

auf die Dächer der Stadt zu gehen,

dem Leben zuzusehen,

still zu stehen,

alles wirkt so klein,

unscheinbar entfernt und weit,

das Leben pulsiert hier,

weit weg von mir.

(Aus "Lichter der Stadt", Songtext von Unheilig)

Die Altstadt von Quito gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ich war nur einmal dort, auf einem Ausflug mit ICYE Ecuador, bei dem ich aber bei weitem nicht alles gesehen hatte. Deshalb schlug mein ecuadorianischer bester Freund Bernardo vor, am Sonntag mit dem Touristenbus eine Tour zu machen, um verschiedene Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.

Als ich meiner Mitvolontärin Sophie von meinen Plänen erzählte, meinte sie, sie wolle dies auch unbedingt mal machen. Ich war sicher, dass sie und Bernardo sich gut verstehen würden und so lud ich sie ein, mit uns mitzukommen. Wir trafen uns um 10 Uhr morgens beim "Quicentro", einem Shoppingcenter in Quito. Der Bus fuhr von dort los und hielt bei verschiedenen Stationen, bei denen man aussteigen und eine Stunde verweilen konnte, bis der nächste Bus kam. Die erste Station, bei der wir rausgingen, war die "Basílica del Voto Nacional", eine riesige gotische Kirche, deren Bau 1926 begonnen und sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt hatte.

Die Kirche hat zwei Türme, auf die man hinaufklettern kann. Dazu muss man unten ein Ticket lösen und bezahlen. Der Mann am Schalter verlangte eine Passkopie und ich hatte nicht daran gedacht, eine mitzunehmen. Bernardo meinte grinsend: "Dumme Cheib!" Ich musste lachen, denn diesen Ausdruck hatte er letztes Jahr während seinem Freiwilligeneinsatz in einem Schweizer Behindertenheim gelernt.

 

Zum Glück fand ich auf meinem Handy ein Foto meines Visums und zeigte es dem Mann. Zuerst wollte er es nicht akzeptieren, doch dann sagte Bernardo irgendwas zu ihm in einem schnellen Spanisch, das ich nicht verstand. Daraufhin händigte mir der Mann doch noch ein Ticket aus. Es war echt praktisch, einen Einheimischen dabeizuhaben. :-)

Sophie blieb unten, weil sie Höhenangst hat und so machten Bernardo und ich uns auf den Weg. Zuerst bestiegen wir eine enge Wendeltreppe und erreichten immer wieder Zwischenstockwerke mit Terrassen, auf denen wie die Aussicht geniessen konnten.

 

Danach wurde es aber weniger komfortabel, um weiter nach oben zu kommen musste man steile Eisenleitern hochklettern. Es war ziemlich abenteuerlich und vielleicht auch ein bisschen gefährlich. Atemlos kamen wir oben an und wurden mit einem noch schöneren Ausblick auf Quito belohnt.

Als wir wieder unten waren, fuhren wir mit dem Bus weiter das "Panecilla" hoch. "Panecilla" bedeutet auf Deutsch "Brötchen" und ist ein etwa 200m hoher Hügel mitten in Quito, der in der gesamten Stadt sichtbar ist. Auf dem Hügel steht das Aluminium-Monument einer Madonna, die wie eine Schutzgöttin über Quito wacht. Bis jetzt hatte ich die Figur immer nur von weitem gesehen, doch jetzt konnten wir sie aus nächster Nähe betrachten.

Auch den Sockel der Statue kann man besteigen, doch dies war uns zu teuer. So beschlossen wir, eine Pause einzulegen. In der Nähe der Statue hatte es Markt- und Touristenstände. Bernardo fand, wir müssten unbedingt die heisse Schokolade probieren, die eine alte Frau an einem Stand zusammenbraute. Doch als Sophie und ich davon tranken, verzogen wir das Gesicht. Das Getränk schmeckte, als sei es mit Wasser gestreckt worden. Da wurde uns schlagartig wieder klar, dass wir in Ecuador sind und nicht in der Schweiz oder in Deutschland. :-)

Mit dem Bus fuhren wir zurück ins Zentrum der Altstadt, denn es war bereits später Nachmittag. Dort besichtigten wir eine weitere Kirche. Vor der Kirche gab es eine riesige Baustelle, denn vor kurzer Zeit hat man in Quito mit dem Bau einer U-Bahn begonnen. Ich persönlich bin kein Fan von U-Bahnen. Doch wahrscheinlich würde es in Quito vielen Pendlern den Alltag erleichtern, da es das Busnetz entlasten und hoffentlich die vielen Abgase verringern würde. Bernardo erzählte mir jedoch, dass die Bauarbeiter auf archäologische Funde gestossen seien und sich der Bau deshalb verzögern würde.

Um halb fünf war unsere Busrundfahrt zu Ende. Sophie traf sich mit Bekannten und Bernardo und ich gingen im "Quicentro" etwas essen. Wir waren aber beide todmüde von diesem Sightseeing-Tag und schliefen fast ein. Es war ein toller Tag mit zwei tollen Menschen! :-)

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