Abschied vom ecuadorianischen Alltag

Kein Augenblick ist je verloren

Wenn er im Herzen weiterlebt

Das Leben wird jetzt anders sein

Doch die Erinnerung bleibt ewig bestehen.

[...]

Keine Träne soll uns begleiten

Egal wohin die Reise geht

All die schönen Bilder bleiben

Wenn unsere Zeit gekommen ist. 

 (Aus "Zeit zu gehen", Songtext von Unheilig)

Meine letzten Arbeitstage im Projekt waren sehr emotional. Es war schwierig, mich von den Kindern zu verabschieden, war es doch ein Abschied für immer. Die zwölfjährige Y., die immer zum Hausaufgaben machen kommt, meinte zu mir: "Ich werde dich vermissen! Warum musst du überhaupt zurück in dein Land? Kannst du nicht hierbleiben?" 

 

Am schwersten war der Abschied vom zehnjährigen S., der ein bisschen "mein Kind" geworden war. Einige Wochen nachdem er ins Aufnahmezentrum kam, war ich mit einer Sozialarbeiterin und ihm in seiner alten Schule und bei seiner Stiefmutter zu Hause. Ich glaube, die Stiefmutter hatte ihn misshandelt und zum Arbeiten auf der Strasse gezwungen, jedenfalls weigerte sich S., mit ihr zu reden. Dies war der Moment, als er entschied, dass ich nun seine Mutter sei. Von nun nannte er mich immer "Mama". Er erzählte auch allen anderen Kindern und den Erziehern, ich sei seine Mama. Zu mir sagte er, wenn ich zurück in die Schweiz ginge, käme er mit. Er wollte mir sogar versprechen, dass er in der Schweiz arbeiten gehen würde, um seine Lebenskosten zu bezahlen. Doch wie sollte ich ihm erklären, dass Kinderarbeit in der Schweiz verboten ist? In Ecuador ist sie in den ärmeren Schichten normal. Es brach mir das Herz, S. in Ecuador zurückzulassen. Doch ich habe den Eindruck, dass er sich in den letzten Wochen langsam im Aufnahmezentrum eingelebt hat. Ich hoffe, dass er seine Chance packt, einen Schulabschluss schafft und irgendwann ein eigenständiges Leben führen kann.

Viele Leute in Ecuador fragten mich: "Willst du nach dem Studium nicht zurückkommen? Es gibt in diesem Land so viel Potenzial im Bereich der Sozialen Arbeit." Mal sehen. Ich werde mir diese Tür offen lassen. 

Doch nicht nur die Kinder sind mir ans Herz gewachsen. Zu meiner Spanischlehrerin hatte ich eine besonders enge Beziehung. Sie gab mir nicht nur einmal die Woche bei sich zu Hause mit viel Geduld und Herzblut Einzelunterricht, sondern war für mich auch eine Person, mit der ich über alles reden konnte. Zum Abschied schenkte ich ihr eine Dankeskarte und ein Armkette, sie mir ein spanisches Büchlein mit ecuadorianischen Sagen. Ich versprach ihr, mit dem Spanisch weiterzumachen und mit ihr in Kontakt zu bleiben.

 

Auch der Strasssenerzieher J. war für mich nicht nur ein Mitarbeiter, sondern auch ein guter Kollege, mit dem ich meine Freizeit verbrachte. Wenn er konnte und durfte, nahm er mich mit auf die Strasse und lehrte mich viel über die Soziale Arbeit. Wenn es im Aufnahmezentrum nichts zu tun gab, zeigte er mir, wie man Armbändeli knüpft und brachte mir das Schachspielen bei.

All diese wunderbaren Menschen, die fremde Sprache, die andere Kultur und auch die Arbeit mit den Strassenkindern machten meine Zeit in Ecuador zu etwas ganz Besonderem. Ecuador und die Schweiz sind für mich zwei verschiedene Welten, zwei verschiedene Leben. Ich habe Angst, dass mir zurück in der Schweiz alles nur noch wie ein verschwommener Traum vorkommt. 

Nächsten Freitag landen meine Eltern in Quito und ich kann es kaum erwarten, ihnen auf einer dreiwöchigen Reise das Land näher zu bringen, das ich nun als meine zweite Heimat bezeichne. Zuerst reisen wir gemeinsam Richtung Süden zum Kratersee in Quilotoa, in die Kolonialstadt Cuenca und nach Vilcabamba, ins Tal der Hundertjährigen. In der zweiten Woche geht es an die Pazifikküste in die Fischerdörfer Mompiche und Canoa sowie in die Hafenstadt Manta. Zum Schluss verbringen wir noch vier Tage im Amazonas in einer Urwald-Lodge. Ich bin sehr glücklich, meine Zeit in Ecuador mit einer gemeinsamen Reise mit meinen Eltern abschliessen zu können.

Aunque hoy llores por despedirte, mañana sonreirás por los recuerdos.

(Obwohl du heute wegen dem Abschied weinst, wirst du morgen wegen den Erinnerungen lächeln)

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