Ein ganzes halbes Jahr!

Ich werde dir sagen, warum ich gelassen bin, wie du es nennst. Weil man nicht alles haben kann im Leben und darum das Wesentliche leben muss. Denn gerade während man rechnet und das Für und Wider gegeneinander abwägt, geht das Leben an einem vorbei.

(Marc Levy in "Solange du da bist")

 

Heute vor genau 6 Monaten bin ich mit den drei anderen Schweizerinnen Rabea, Xenia und Fatma hier in Quito gelandet. Die Zeit ist unglaublich schnell vergangen, ich kann es kaum glauben. Als ich vor mehr als einem Jahr meine Bewerbung an ICYE Schweiz abgeschickt hatte, war ich davon ausgegangen, dass ich einen halbjährigen Sozialeinsatz machen würde. Wäre dies der Fall gewesen, wäre meine Zeit jetzt rum und ich sässe im Flugzeug zurück in die Schweiz. Da ich den Sozialeinsatz aber als Vorpraktikum für die "Hochschule für Soziale Arbeit" mache, hat mir ICYE empfohlen, für 8 Monate nach Ecuador zu gehen, damit ich sicher auf die 1000 verlangten Praktikumsstunden komme. Dies ist der Grund, warum ich noch immer hier bin und mir noch zwei Monate bleiben.

Einige ICYE- Volunteers, die ein ganzes Jahr bleiben, haben jetzt für die zweite Hälfte ihr Projekt gewechselt, weil sie nicht ganz zufrieden waren oder es zu wenig Arbeit gab. Ich muss sagen, wenn ich jetzt mein Projekt ebenfalls wechseln könnte, könnte ich mir gut vorstellen, nochmals 6 Monate zu bleiben. Ich mag zwar das Sozialprogramm "Chicos de la calle", vor allem aber mag ich die Idee dahinter, das Lebenswerk von Don Bosco weiterzuführen und sich weltweit um benachteiligte Kinder und Jugendliche zu kümmern. Mir gefällt es auch, dass ich die anderen internationalen und nationalen Volunteers regelmässig sehe, die in den verschiedenen Salesianerhäusern arbeiten. Aber am meisten liebe ich die Kinder, die mir täglich so viel Wertschätzung entgegenbringen und mir so viel zurückgeben. 

Doch im Aufnahmezentrum, in dem ich arbeite, fehlt mir das Arbeitsteam. Es wird nicht kommuniziert, manchmal tauchen neue Kinder auf oder Kinder verschwinden und niemand will mir genau sagen, wo sie herkommen oder wohin sie gehen. Dies macht es sehr schwierig für mich, weil ich dann in gewissen Situationen nicht entsprechend reagieren kann. (Dann nehme ich z.B. ein Kind zu oft in den Arm, das eigentlich lernen müsste, sich selbst nicht zu bemitleiden) Gerade weil ich den Sozialeinsatz als Vorpraktikum fürs Studium mache, würde ich mir wünschen, mehr in die Arbeit der Sozialarbeiter einbezogen zu werden. Zudem gibt es im Aufnahmezentrum fast keine Spielsachen, nicht etwa, weil es sich das Projekt nicht leisten könnte, sondern, weil keiner der Mitarbeiter ihnen Sorge tragen will. So ist es manchmal echt schwierig, die Kinder zu beschäftigen. Häufig setzen sie sich dann an den Computer und spielen im Internet. Sehr gerne würde ich noch Einblick in ein anderes Projekt  erhalten, um zu sehen, wie diese Dinge dort gehandhabt werden. Doch leider bleiben mir nur noch 6 Arbeitswochen, weshalb sich ein Wechsel nicht lohnt. Nun werde ich aus meiner verbleibenden Zeit versuchen das Beste herauszuholen und die Stunden mit den Kindern zu geniessen. In Ecuador habe ich allgemein gelernt, alles ein bisschen lockerer zu nehmen und das Beste aus jeder Situation zu machen. Nach meiner Rückkehr habe ich eine Praktikumsstelle im Rehabilitationszentrum vom Kinderspital Zürich. Diese Institution ist schliesslich auch eine Art "Projekt" und ich freue mich darauf, diese Arbeit kennen zu lernen und vielleicht auch die eine oder andere Erfahrung aus Ecuador einbringen zu können. 

Ich habe zwar von ICYE-Volunteers gehört, die 100% happy mit ihrem Projekt sind und bei der Arbeit auch viel Verantwortung haben, doch ich denke, man kann auch aus einem mittelmässig guten Projekt sehr viel mitnehmen. Ich durfte Erfahrung im Umgang mit schwierigen Kindern sammeln, das Metier "Arbeit mit Strassenkindern" kennen lernen, das es in der Schweiz so nicht gibt, und auch neue Einsichten im Bezug aufs Leben gewinnen.Vor allem von Strassenerzieher J. konnte ich sehr viel lernen und er beeindruckte mich immer wieder, da er früher selber ein Strassenkind war und es geschafft hat, seinem Leben eine andere Wendung zu geben. Eines von vielen eindrücklichen Erlebnissen mit ihm war, als er den internen Kindern eine Französische Komödie zeigte und ihnen sagte, es habe einen Grund, weshalb er mit ihnen diesen Film schaue. Grob zusammengefasst ging es dabei um einen 30 jährigen Mann, der noch immer nicht weiss, was er mit seinem Leben anfangen soll und stattdessen stundenlang planlos vor dem Smartphone hängt. Nach dem Film bekamen die Kinder den Auftrag, ihren Lebenstraum auf ein Blatt Papier zu zeichnen. Vier von fünf Knaben zeichneten sich als Fussballprofi. J. fragte jeden von ihnen, wie er es schaffen wolle, diesen Traum zu verwirklichen. Natürlich sind alle Kinder weit davon entfernt. Doch J. wollte sie einmal mehr dazu animieren, aus der Opferrolle zu erwachen. Nur weil ihre Familie drogenabhängig sei, der Vater sich aus dem Staub gemacht habe oder sie arm seien, würde ihnen im Leben nichts geschenkt werden. Sie müssten kämpfen, um etwas aus ihrem Leben zu machen. Ich denke, kämpfen müssen wir alle. Die einen haben eine bessere und andere eine schlechtere Ausgangslage. Vielleicht klingt es egoistisch, wenn ich sage, dass ich in diesem Projekt meine eigene gute Ausgangslage im Leben schätzen gelernt habe und realisierte, dass sie nicht selbstverständlich ist. Dies ist eine der Einsichten, die man während einem Sozialeinsatz gewinnt und die einem zu einem dankbareren und zufriedeneren Menschen macht.

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