Viel Arbeit und wenig Freizeit

Cuàndo eres joven, debes trabajar para aprender, no para ganar.

(Robert Kiyolski)

 

(Wenn du jung bist, musst du arbeiten um zu lernen, nicht um Geld zu verdienen.)

In der Schweiz waren viele Menschen erstaunt, als ich sagte, dass ich in Ecuador für meine Arbeit keinen Lohn erhalten würde. Ich denke jedoch, dass es nicht richtig wäre, dafür bezahlt zu werden. Ich bin hier um zu helfen und auch um selbst einen Schritt weiterzukommen. Ich möchte herausfinden, was ich im Leben wirklich will und welchen Weg ich in Zukunft gehen möchte. In meinem Projekt arbeiten neben mir zwei Sozialarbeiter und eine Psychologin, die nicht zwingend auf mich als Arbeitskraft angewiesen sind. Viel mehr geben sie mir die Chance, einen Einblick in ihre Arbeit zu erhalten und Erfahrungen in einem Bereich zu sammeln, den es in der Schweiz so nicht gibt.

 

Obwohl ich meine Arbeit hier sehr mag, ist der Alltag anstrengend. 

Ich habe fast eine Stunde Arbeitsweg und da man nie so genau weiss, wann der Bus kommt, stehe ich um halb 8 an die Haltestelle. Um 9 Uhr beginnt meine Arbeit und endet um 17 Uhr. (Meine Vorgesetzten waren zu Beginn der Meinung, dass ich jeden Tag bis 18 Uhr arbeiten muss. Zum Glück konnte ICYE Ecuador mit ihnen verhandeln :-))

Dennoch bleibt mir wenig Freizeit. Montags und Mittwochs gehe ich nach der Arbeit in den Spanischunterricht bei einer älteren Frau. Sie ist sehr geduldig, herzlich und weiss genau, wo ich noch Defizite habe. Dann komme ich erst um 21:00 Uhr nach Hause, esse etwas und gehe schlafen, um fit für den nächsten Tag zu sein. Ich habe einen so vollen Terminkalender, dass ich fast keine Zeit habe um Spanisch-Vokabular zu lernen oder die Grammatik aus dem Unterricht zu repetieren. Irgendwie muss ich da für mich noch eine Lösung finden.

 

In meinem Projekt habe ich jetzt zum Glück mehr Arbeit. Morgens betreue ich meist C., da er als einziges Kind nicht zur Schule geht. Es ist immer noch sehr schwierig mit ihm, da er seine Pflichten nicht erfüllen will. C. ist sehr unberechenbar und hat Schizophrenie. Manchmal umarmt er mich, küsst mich auf die Wange und sagt mir, dass er mich sehr gerne habe. Im nächsten Moment schlägt er auf mich ein und nennt mich "Puta". (Hure)

Obwohl die Arbeit mit ihm sehr viel Geduld erfordert, bin ich froh, diese Erfahrung machen zu dürfen und daran zu wachsen. 

 

Vor dem Mittag und am Nachmittag kommen etwa 20 Kinder, um ihre Hausaufgaben zu machen. Meine Aufgabe ist es dann, ihnen dabei zu helfen. Meist sind es Mathematikaufgaben. Mir ist aufgefallen, dass die Kinder oftmals nicht richtig verstanden haben, wie man schriftlich subtrahiert. Ich versuche es ihnen dann zu erklären, was jedoch auf Spanisch ziemlich schwierig ist.

Dazu kommt, dass die Mädchen sehr fasziniert sind von meinem Nasenpiercing und es immer berühren wollen, wenn ich mit ihnen rechnen will. :-)

Wenn alle Aufgaben gemacht sind, bleibt meist noch Zeit um zu spielen.

 

Da ich die einzige Mitarbeiterin im Projekt bin, die Englisch kann, kommen die Kinder auch mit Englisch-Hausaufgaben zu mir. Vor Kurzem kam sogar die Schwester eines Mitarbeiters und bat mich, für sie einen Text aus dem Spanischen ins Englisch zu übersetzen. Es war kein allzu schwieriger Text, sondern ein kurzer Lebenslauf. Ich war stolz, dass ich dies für sie tun konnte. Die gute Schweizer Ausbildung ist eben doch viel wert!

 

Vor einigen Tagen bekam ich richtig Bauchschmerzen vom Essen. Ich bin mir nicht sicher, ob das Essen im Projekt wirklich sauber ist. Wir essen jeden Tag in der Schule der Strassenkinder, wo jeder sein Geschirr selbst von Hand abwaschen muss. Dabei gibt es nur wenig Seife, die nicht für alle reicht. Die meisten Kinder halten das Geschirr nur kurz unter den Wasserhahn und versorgen es danach. Wenn wir am nächsten Tag wieder kommen, schöpfen wir das Essen in das immer noch nasse Geschirr. Jedenfalls bekam ich richtig Bauchkrämpfe und ein Mitarbeiter musste mich zum Arzt bringen. Als ich zurückkam, waren die Kinder überzeugt, dass ich jetzt ein Baby bekommen würde und hielten ihr Ohr immer wieder an meinen Bauch. In Ecuador ist es vor allem in den ärmeren Schichten üblich, jung Kinder zu bekommen. Deshalb war es sinnlos den Kindern zu erklären, dass ich mit 22 Jahren bestimmt noch nicht Mutter werden will. :-)

 

Noch immer habe ich Angst, während meiner Zeit in Ecuador etwas zu verpassen. Es gibt hier so viel zu erleben und zu entdecken. Ich möchte in den Amazonas, auf die Galapagos-Inseln (wenn ich genug Geld habe), an den Strand, ich möchte Salsa tanzen, besser Spanisch lernen, Zeit mit meiner wundervollen Gastfamilie verbringen...

Reichen dafür die sieben Monate, die mir noch bleiben? Ich hoffe es!

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