Gewaltlose Erziehung?

Die Welt braucht nicht noch mehr erfolgreiche Leute.

Die Welt braucht verzweifelt mehr Friedensstifter, Heiler, Wiederhersteller und Geschichtenerzähler.

(Dalai Lama)

In Ecuador kommt der Winter. Es ist deutlich kälter geworden und es regnet oft. Ich kann es nicht glauben, dass ich bereits seit einem Monat hier bin! Die Zeit rast und ich habe das Gefühl, dass ich zu wenig Zeit habe alles zu tun, was ich hier tun möchte. Ich habe nun begonnen, zweimal in der Woche nach der Arbeit Spanischunterricht zu nehmen. Ich möchte aber auch noch Salsa  tanzen und am Wochenende mit meinen Schweizer Freundinnen reisen.

 

An die Erdbeben, die hier sehr häufig sind, habe ich mich noch immer nicht gewöhnt. Vor zwei Tagen sass ich mit meinem Gastbruder Carlos auf dem Sofa, als plötzlich das ganze Haus zu schütteln begann. Zuerst realisierten wir nicht, was los war, dann schrien plötzlich alle "Temblor!" und rannten auf die Strasse. Als wir draussen waren, war es aber bereits wieder vorbei.

(Im Ecuador unterscheidet man lustigerweise zwischen einem kleinen und einem grossen Erdbeben. Ein Erdbeben, das unter der Stufe 7 ist, nennt man "Temblor" und ein starkes Erdbeben ab der Stufe 8 "Terremoto") Nach dem Beben waren diverse Gebiete rund um Quito für einige Stunden ohne Strom.

 

In meinem Projekt haben die Mitarbeiter nun einen Stundenplan für mich gemacht, der regelt, an welchem Wochentag, um welche Zeit ich was erledigen soll. Dies hat mich ziemlich erstaunt, da die Arbeit hier sehr chaotisch ist. Ich bin froh, nun ein Stück Schweizer Ordnung zu haben. Im Stundenplan steht geschrieben, dass ich jeden Donnerstag mit den Sozialarbeitern auf Hausbesuche zu den Familien der Kinder gehen darf. Ich hoffe sehr, dass dieses Versprechen eingehalten wird. Dann würde ich sehen, wie die Kinder wohnen und hoffentlich auch bald ihre Verhaltensweisen in gewissen Situationen nachvollziehen können.

 

Meine wichtigste Aufgabe ist es, C. zu betreuen. Er ist ein Junge von 10 Jahren, der zurzeit die Schule nicht besuchen kann, weil es für ihn zu schwierig ist, dem Unterricht zu folgen. Er ist sehr anhänglich, will mich ständig umarmen, auf die Wange küssen und sagt mir, ich sei seine Lieblingsfreundin. Doch in diesem Haus haben die Kinder auch viele Pflichten. Ich habe eine Liste, die ich mit C. abarbeiten muss. Beim Zähneputzen beginnt das Theater. Er schmeisst die Zahnbürste auf den Boden, weigert sich, sie wieder aufzunehmen und rennt mir davon. Ich renne hinterher und versuche ihn dazu zu bringen, die Zähne doch noch zu putzen.

 

Weiter geht's mit dem Waschen der Kleider. Viele der Kinder werden sich nie eine Waschmaschine leisten können und so müssen sie lernen, mit Kübel, Seife und Bürste auszukommen.

 

Also wasche ich mit C. seine Kleider. Oder ich versuche es zumindest. Doch er wirft die Seife in die Ecke, die Bürste hinterher und hängt die Kleider ungewaschen an die Leine. Wenn ich ihn an der Hand nehmen will, um ihm zu zeigen, wie man es richtig macht, reisst er sich los und rennt die Treppe hoch aufs Dach. Ich versuche ihn runterzuholen, aber habe keine Chance. Wenn ich lauter und bestimmter mit ihm rede, nimmt er mich nicht ernst und verbessert seelenruhig mein Spanisch.

Wir brauchen drei Stunden bis alle Kleider sauber gewaschen an der Leine hängen, doch ich bin sicher, dass wir es unter normalen Umständen in zwanzig Minuten geschafft hätten.

 

Nach dem Mittagessen muss C. einen Text aus einem Buch abschreiben. Doch natürlich hat er auch dazu keine Lust. Er kann stundenlang vor dem leeren Blatt sitzen und vor sich hinstarren.

 

Heute war noch ein inländischer Freiwilliger da. Auch er konnte sich bei C. nicht durchsetzen. Er packte den Jungen irgendwann am Nacken und drückte fest zu. Die anderen Mitarbeiter sagten mir später, ich solle dies ebenfalls tun. Doch ich will den Kindern nicht wehtun, unter keinen Umständen. Welche Alternativen habe ich?

 

Ich habe das Gefühl, dass sich die Kinder nicht bewusst sind, welche Chance sie hier erhalten. Bildung ist der Schlüssel zu einem besseren Leben und die Kinder, die von der Strasse kommen, weigern sich, ihre Hausaufgaben zu machen!

 

Am Nachmittag nach der Schule kommen momentan noch drei weitere Jungs, alles Afro-Ecuadorianer. Auch sie sind mir gegenüber sehr anhänglich, prügeln sich aber gerne gegenseitig. Besonders auf C. gehen sie los, weil er der Schwächste ist. Einer der drei schlug den Kleinen heute ins Gesicht, einfach so. Als ich den prügelnden Jungen wegzog, rannte er davon. Ich ging ihm nach und sah ihn in einer Ecke sitzen und weinen. Er, der Schläger! In diesem Moment realisierte ich, dass dieser Junge das Opfer ist, nicht C. Ich ging zu ihm, setzte mich wortlos neben ihn und nahm ihn in den Arm. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Junge von seinen Eltern geschlagen wird und hier im Projekt einen Schwächeren sucht, den er schlagen kann.

 

Ich bin selbst erstaunt, dass ich mit diesen Situationen umgehen kann. Ich sprach heute mit meiner Gastmutter darüber und sie fragte mich, ob es mir denn Spass mache, diese Arbeit zu tun. Spass ist nicht das richtige Wort. Ich will einfach helfen. Ich denke nicht, dass ich heute und morgen hier etwas bewegen kann. Aber ich kann für C. und die anderen Jungs da sein und ihnen die Liebe, Zeit und Geduld schenken, die sie von ihren Eltern nicht bekommen.

Kommentare: 1
  • #1

    Beate + Röbi (Freitag, 09 September 2016)

    Hoi Andrina
    Vielen Dank für all deine interessanten und detailierten Berichte. Sie geben uns einen einfühlsamen Einblick in deine neue Umgebung und lassen uns sozusagen "hautnah" deinen Alltag miterleben. Wir sind sehr beeindruckt wie du mit all den neuen Eindrücken und Herausforderungen umgehst und diese meisterst. Du vermittelst sehr gut, dass dir die Unterstützung und Förderung der dir "anvertrauten" Kinder ein grosses Anliegen ist und du dich hier voll engagierst . Wir freuen uns schon auf den nächsten Bericht.
    Liebe Grüsse Beate + Röbi