Weil jedes Kind seine eigene Geschichte hat...

Ein Kind, das mit Respekt behandelt wird, wird respektvoll. Ein Kind, das mit Liebe behandelt wird, wird liebevoll. Ein Kind, das mit Fairness behandelt wird, wird gerecht. Ein Kind, das mit Höflichkeit behandelt wird, wird ein guter Freund. Ein Kind, das angehört wird, wird ein guter Zuhörer. Ein Kind, das die Wahl erhält, wird verantwortungsbewusst.

(Unbekannt)

Nach dem dritten Tag in meinem Projekt kann ich sagen, dass ich mich bei der Arbeit langsam zu Hause fühle. Ich musste mich zuerst an die ecuadorianische Arbeitsmoral gewöhnen. Von meiner Lehre in der Schweiz bin ich es gewohnt, dass die Arbeit eine Struktur hat und ich mit klaren Aufträgen eingearbeitet werde. Hier in Ecuador ist vieles anders. Alles ist ein bisschen chaotischer, ein bisschen lockerer und ich bin mehr auf mich alleine gestellt.

 

Wenn ich morgens komme, sind die Kinder meist draussen und warten auf mich. Wir spielen dann eine Runde Fussball auf dem kleinen Vorplatz. Oftmals spielt auch Jairo mit, einer der Leiter des Projektes. Danach müssen die Kinder ihre Pflichten erfüllen, sei es Rechnen, Putzen oder Aufräumen. Seit gestern ist noch ein dritter Junge dabei und ich half den dreien, ihre Kleider zu waschen. Wir hatten nur einen Kübel kaltes Wasser, eine Handseife und eine Bürste zur Verfügung. Ich war mir nicht so sicher, ob die Kleider auf diese Weise wirklich sauber wurden, aber es haben eben nicht alle Menschen in diesem Land eine Waschmaschine.

 

Danach spielten wir wieder Fussball, bis schliesslich ein Ehepaar im Projekt aufkreuzte. Der Mann erklärte mir, er und seine Frau kämen aus Deutschland und unterstützten Projekte der Salesianer Don Boscos weltweit. Ihr Ziel sei es, alle Projekte einmal im Jahr zu besuchen, sei es in Europa, Lateinamerika oder Afrika. Er sei vor ein paar Jahren während einer Reise durch Südamerika mit der Armut in Berührung gekommen und sei zum Entschluss gekommen, dass man etwas dagegen tun müsse. Und man könne etwas dagegen tun! Dies sei die Einstellung, mit der bestimmt auch ich Ende April nach Hause fliegen werde. Dies hat mich sehr beeindruckt.

 

Da ich in den letzten beiden Tagen oftmals nicht wusste, was ich mit den Kindern ausser Fussball sonst noch spielen kann, nahm ich mir vor, jeden Tag einige Spielideen aus meiner eigenen Kindheit oder aus dem Internet mit ihnen auszuprobieren. Heute nahm ich Ballone mit und wollte mit ihnen ein Spiel spielen, dass ich zu Hause oft mit meinen Geschwistern gespielt habe. Dabei spielt man zu zweit gegeneinander und muss einen aufgeblasenen Ballon über eine Linie bugsieren, ohne dass er auf der eigenen Seite den Boden berührt. Die Knaben waren sehr euphorisch, sie hatten jedoch mehr Freude daran, die Ballone zu zerplatzen. Schliesslich kamen sie auf die Idee, die Ballone mit Wasser zu füllen. Ich war mir nicht so sicher, was die Leiter dazu sagen würden, da die Kinder die Wasserballone durchs Haus nach draussen trugen. Doch es gab keinerlei Zurechtweisungen, die Mitarbeiter hier behandeln die Kinder allgemein sehr respektvoll und mit viel Liebe. Dies ist mir gleich am ersten Tag aufgefallen und es hat bestimmt mit der Ideologie Don Boscos zu tun.

 

Nach einer Weile tauchte noch ein Junge auf. Ich schenkte ihm ebenfalls einen Ballon und er fragte mich, ob er noch drei weitere haben dürfe, er wolle sie seinen Geschwistern bringen. Ich gab ihm die Ballone, weil mir seine Fürsorge gefiel. Einer meiner drei Jungs hatte dies beobachtet und zog plötzlich ein Buttermesser aus der Hosentasche. Er sagte, ich solle ihm auf der Stelle auch drei Ballone geben, sonst würde er mich töten. Ich erschrak. Der Junge hätte mich lieb fragen können und ich hätte ihm die Ballone gegeben. Doch warum musste er mich bedrohen? Ich musste mir in Erinnerung rufen, dass jedes dieser Kinder seine Geschichte hat, manche auf der Strasse gelebt haben oder von den Eltern geschlagen werden. Noch kenne ich ihre Geschichte nicht und ich weiss nicht, weshalb sie in manchen Situationen so reagieren, wie sie eben reagieren.

 

Abgesehen davon, dass meine drei Jungs manchmal unberechenbar sind, machen sie es mir sehr einfach. Sie umarmen mich ständig, nehmen mich an der Hand und suchen nach mir, wenn ich mal kurz in einen anderen Raum gehe. Einer der Kleinen ist mir heute um den Hals gehangen und hat gesagt: "Te quiero muuchoo!" (Ich mag dich seeehr!")

Eigentlich bin ich hierher gekommen, um den Kindern etwas zu schenken - Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit. Doch sie geben mir jetzt schon so viel mehr zurück, als ich ihnen geben kann!

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